Bye bye Langstrasse

Vor 11 Jahren zog ich nach Zürich und ich wusste, wenn schon nach Zürich, dann mitten hinein, dort hin wo Zürich pulsiert. Ich landete also im Kreis4 an einer Querstrasse zur Langstrasse. Eine herzige kleine Dachwohnung mit einer tollen Dachterrasse war mein Zuhause. Die Nachbarschaft war ein buntes Volk von Nutten, Freiern, Puffmüttern, Studenten, Künstlern, Architekten, Asylanten aus aller Welt und (fast) ganz normalen Leuten wie mir. Ich fühlte mich wohl, obwohl rund herum so einiges abging. Da gab es Nächte wo Frauen (Nutten) laut um Hilfe und Polizei riefen, da sah ich wie bereits morgens um 7 Uhr Freier bei Nutten an die Türe klopften für eine schnelle Nummer vor der Arbeit. Junge wie auch alte Männer suchten das Puff auf der anderen Strassenseite auf. Es sah zwar nicht direkt wie ein Freudenhaus aus, als Kneipe getarnt erleichtert es den Freiern den Schritt über die Schwelle. Ich sah junge Männer die sich früh am Morgen an der Tür dieses Hauses fast nicht von ihrem Freudenmädchen trennen konnten. Es gab solche, die regelmässig kamen und wie es schien sich hoffnungslos verliebt hatten (Drama inklusive). Es gab Nächte mit Schlägereien und Besoffenen, die durch die Gasse lärmten und natürlich gab es auch die gespenstisch wirkenden Junkies die auf der Suche nach Stoff herumirrten mit denen ich aber nie ein Problem hatte. Alles eben typisch für diese Gegend. Oft kam ich spät Nachts nach Hause, doch hatte ich nie etwas zu befürchten. Das Höchste war, dass mir ab und zu Männer folgten um dann anständig zu fragen, ob ich Zeit hätte und auch wieder anständig abzogen, als sie merkten, dass sie bei mir wohl an die falsche geraten waren.

2 Jahre wohnte ich dort, zog dann in einen anderen Stadtkreis und kehrte nach 4 Jahren wieder zurück an die Langstrasse. Ich hatte dort weiterhin mein Malatelier gehabt, welches ich nun zur Loft umbaute um dort zu wohnen. Links von meiner Loft und auch auf der andern Strassenseite gab es Gogoschuppen, die gleichzeitig natürlich Bordelle waren, was mich nicht weiter störte. Es ist ein sehr lebhaftes Gebiet, das war mir schon klar bevor ich kam. Hinter dem Haus in dem ich wohnte gibt es mehrere Häuser mit Sozialwohnungen oder besser gesagt mit Menschen die nichts mehr zu verlieren haben. Ich wusste was mich erwartete. Das Langstrassenquartier hatte aber auch seine Faszination und ich erlebte viele schöne Feste auf der Strasse, in der Bäckeranlage, auf dem Kasernenareal, bei der Kanzlei oder dem Helvetiaplatz. Die Feste waren bunt, fröhlich, tolerant, multikulti – schön. Das Schöne an diesem Quartier überwog für mich damals noch, obwohl die Nächte  laut waren und die Sirenen der Polizeiautos zur Nacht gehörten.

Etwas mehr als 4 Jahre wohnte ich an dieser lebhaften Strasse, bis ich nun sagen musste – ES REICHT!

Das Quartier hat sich verändert. Mit der Longstreet-Bar nahm es seinen Anfang. Das Langstrassenquartier wurde zur Ausgangsmeile. Nicht mehr nur Freier sondern vor allem Partypeople vielen nun ab Donnerstagabend über das Quartier her. Ein In-Lokal nach dem anderen eröffnete, in meiner Strasse das Bling und die Marsbar, an der Langstrasse das Cocuna, Zukunft, Diva-Club, St. Pauli, Revier etc. ich könnte noch einige mehr aufzählen. Nicht dass ich etwas gegen all diese Lokale hätte, nein überhaupt nicht, aber diese Lokale veränderten alles. Es ist erschreckend zu sehen wie sich das Partyvolk heute benimmt. Nie zuvor hat es so viel Dreck in diesem Quartier gegeben. Es wird Party gemacht, sich betrunken und die Sau rausgelassen. Die parkierten Autos werden als Tische und auch Sitzgelegenheiten benützt. Nach solchen Nächten war mein Auto nicht selten vollgestellt mit Flaschen und Dosen und rundherum hatte es Glasscherben und Abfall. Es wird überall hin gekotzt und gepisst. Massenweise strömen die Leute durch die Strasse bis morgens um 7 Uhr. Die Polizei hat alle Hände voll zu tun und ist total machtlos. Die jungen Männer sind aggressiv und warten nur darauf  dass es „los geht“ und verhalten sich entsprechend. Entweder sind sie aufgeputscht durch irgend eine Droge und verhalten sich wie Verrückte oder aber sie sind zugedröhnt und schleichen herum und kotzen. Ausgansmeile sprichwörtlich zum Kotzen!

In den Häusern mit den Sozialwohnungen herrscht inzwischen der Ausnahmezustand. Es wird in grossem Stil gedielt und die Junkies stehen schon früh morgens vor dem Haus. Fast täglich fährt die Polizei vor, doch eine Veränderung sehe ich nicht. Abends und in der Nacht schreien die Junkies vor den Häusern herum wohl um jemanden dazuzubewegen ihnen etwas zu verkaufen. Die Tür wurde inzwischen vergittert und manchmal kann niemand rein oder raus bis die Polizei kommt. Seit der Tessinerkeller nicht mehr da ist hat sich die Lage verschärft und ich frage mich, wer in die teuren Wohnungen, welche jetzt dort gebaut werden, einziehen will.  Ob die neue Europaallee, welche gegen 2014 fertig gebaut sein wird und mit dem Designer-Hotel an die Langstrasse anschliesst, die Missstände verdrängen kann scheint mir heute fraglich, wenn man die Situation nicht in den Griff bekommt.

Mich jedenfalls hat dieser Zustand, welcher momentan im Langstrassenquartier herrscht vertrieben. Die Dokserie des SF über die Langstrasse hat nach Meinung vieler Leute die dort leben ein total falsches und viel zu harmloses Bild gezeigt.

Ich jedenfalls sage bye bye Langstrasse.

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