Vom Exil zurück zu mir

Vielleicht habt Ihr zwischen den Zeilen oder auch direkt lesen können, dass ich die letzten  fast 3 Monate sozusagen im Exil war. Ich wurde abrupt von meinem aktiven Leben abgeschnitten und in eine körperlich passive Verbannung geschickt. Praktisch von einem Tag auf den anderen, konnte und durfte ich mich so gut wie nicht mehr bewegen. Nur schon eine kleine Muskelanspannung im Gesäss, vermochte es, mir 1000 Volt durch den ganzen Körper zu jagen. Da versteht es sich von selbst, dass man nicht die geringste Lust verspürt auch nur den kleinen Zeh zu bewegen.

Die Diagnose Diskushernie (Bandscheibenvorfall) vermochte mir zuerst nicht die Tragweite, welche diese Diagnose für mich hatte und noch immer hat, vor Augen zu führen. Immer wieder Mal hatte ich von Bekannten gehört, welche diese Diagnose hatten, operiert wurden oder auch nicht und mindestens von aussen gesehen, schnell wieder ihr ganz normales Leben führten. Heute weiss ich, dass dies meist nicht so ist. Als ich aus der Röhre kam und mir der Arzt beim betrachten des MRI mit einer Stimme, welche ich sonst nur in Filmen bei Diagnose Krebs gehört hatte, sagte „tja tut mir leid, es ist also eine Diskushernie“, wusste ich noch nicht, warum er dies so formulierte, obwohl ich es auf Grund meiner Schmerzen hätte ahnen können.

Mit höllischen Schmerzen ausstrahlend in mein rechtes Bein und einer Jumbopackung  Schmerztabletten, wurde ich mit der Weisung mich flachzulegen und möglichst nicht mehr zu bewegen nachhause geschickt. Über mir hing das Damoklesschwert einer Operation, falls das Taubheitsgefühl und der Kräfteverlust im rechten Bein zunehmen würde. Für mich war klar, dass wenn immer möglich, ich von einer Operation absehen würde. Ich wollte nicht, dass man mir am Rückgrad herumbastelt und womöglich noch einen gesunden Nerv abklemmt. Wie mein Arzt selbst zugeben musste, gibt es noch immer zu viele Beispiele von schlecht geratenen Operationen.  Natürlich tendieren heute die meisten Ärzte zu einer schnellen Operation, was folgende Gründe hat: 1. wollen sie kein Risiko eingehen, dass der Nerv zu lange abgeklemmt wird und dadurch die Gefahr einer Lähmung entstehen könnte, 2. ist der Patient nach einer gut gelungenen Operation schneller wieder im normalen Zustand, sprich kann schneller wieder arbeiten und 3. ist es natürlich wie immer lukrativer zu operieren. Die Variante, welche mein Arzt und ich gewählt haben, ist sanfter, birgt ein vermeintlich etwas grösseres Risiko, muss dem Körper Zeit geben zur Heilung und dauert dadurch länger bis man wieder voll einsatzfähig (was für ein schreckliches Wort) ist.

Die nächsten 2 Wochen bestanden aus Schmerzen, welche von den normalen Schmerztabletten nicht mehr gedämpft werden konnten, aus Besuchen der Physiotherapeutin, die zum Glück noch eine Kraniosakraltherapie-Ausbildung hat, da es am Anfang unmöglich war, auch nur im Ansatz eine Physiotherapie zu machen und aus  äusserst schmerzvollen Arztbesuchen, die mich zwangen in ein Auto zu sitzen, was mein Zustand eigentlich nicht erlaubte.

In der 3. Woche machte mein Arzt den Test zur Erkennung der Kraft in meinen Beinen zum ersten Mal nicht mehr indem ich lag, sondern indem ich stand. Da sollte ich dann mit jedem Bein auf die Zehenspitzen stehen, worauf ich ihm erklärte, dass dies mit dem rechten Bein, bei dem der Nerv eben vom Bandscheibenvorfall eingeklemmt war, nicht ginge. Dies wollte er mir nicht glauben und kam mir zu Hilfe, indem er mich stützte. Als er mich los lies und mein Fuss einfach sofort herunterklappte musste er einsehen, dass es unmöglich war und erschrak. Es sei schlimmer als er gedacht hätte, meinte er dann und es wäre möglich, dass ich den Fuss nachschleifen müsste oder noch Schlimmeres, also sollten wir vielleicht doch noch operieren. Im ersten Moment war ich entsetzt, denn die Erfahrung, dass mein Fuss, wenn ich ihm das Kommando gebe auf die Zehenspitzen zu stehen einfach nicht reagiert, sich nicht vom Fleck rührt, auch wenn ich dies noch so sehr will, die war neu und machte mir Angst. Was, wenn plötzlich das Selbe mit dem ganzen Bein passierte, es war ja dieser eine Nerv, welcher eingeklemmt war? Mein Gefühl sagte mir jedoch, dass jetzt noch zu operieren, nicht viel bringen würde und ich auf meine eigenen Heilungskräfte hoffen sollte. Ich hatte ja noch Gefühl im Fuss und ich war mir sicher, dass die Kraft wieder zurückkommen würde, auch mit Hilfe meiner Physiotherapeutin, die meine Ansicht immer unterstützte.

Von da an war jedoch allen klar, dass dies kein kleiner Zwischenfall mit meiner Diskushernie war, sondern einer von der schweren Sorte. Mein Arzt erklärte mir, dass ich damit rechnen müsste längere Zeit zuhause zu bleiben und einfach nichts tun solle, aber auch wirklich nichts.

Nun ich habe die Weisungen meines Arztes befolgt und ausser meinen Hirnzellen und meinen Fingern, sehr wenig bewegt. Heute geht es mir zwar viel besser, ich kann mich wieder ziemlich normal bewegen, aber auf die Zehenspitzen stehen kann ich nach wie vor nicht, mein Fuss verweigert sich meinem Kommando in dieser Hinsicht und die volle Kraft ist noch nicht in mein Bein zurückgekehrt. Dies hat zur Konsequenz, dass ich noch nicht meine schöne, schnelle Gangart wie früher habe, sondern relativ langsam laufen muss und schon nach relativ kurzer Zeit anfange zu hinken, weil einerseits der Fuss anfängt zu schmerzen und andererseits das Bein einfach zu schwach ist. Sitzen kann ich momentan auf einer Parkbank oder ähnlichem auch noch nicht, ausser ich würde immer ein Kissen mitschleppen und da sitzen wie die Königin auf ihrem Thron, was ich auch nicht unbedingt möchte, obwohl ich sie bin…

Gut fertig mit Gejammer sehen wir uns die positiven Seiten dieser Erkrankung an. Vermutlich denkt ihr jetzt, was kann da schon positiv sein. Ja und es gibt sie, diese guten Seiten.

Was wohl das offensichtlichste bei den meisten Erkrankungen ist, man merkt auf einmal, dass es nicht selbstverständlich ist, dass man gesund ist. Man erkennt, dass dieser Körper, in dem man wohnt ein Wunderwerk ist! Und man wird plötzlich ganz klein und erkennt, dass der eigene Wille zwar von grosser Wichtigkeit ist. aber dass es noch einen anderen Willen gibt, den wir Menschen nicht beeinflussen können.

In solchen Zeiten erkennst du auch glasklar, wer deine wahren Freunde sind. Wenn du nur kurz krank bist und nicht auf Hilfe angewiesen bis, merkst du es nicht, da bekommst du mal schnell ein paar SMS oder Mails, welche dich noch freuen und damit hat sichs. Leute die etwas länger krank sind und sogar noch Hilfe brauchen, sind meist nur lästig. Der Arbeitgeber ist nicht erfreut, weil er deine Arbeitskraft nicht mehr nutzen kann und sich etwas einfallen lassen muss. Die Arbeitskollegen wissen meist auch nicht so recht wie sie damit umgehen sollen und melden sich entweder überhaupt nicht und tun so als hätte es dich nie gegeben oder du merkst, dass es ihnen irgendwie peinlich ist zum hundertsten mal zu fragen wie es dir geht. Dass sie dich vielleicht mal besuchen könnten, wo du doch nur 10 Min. vom Arbeitsplatz entfernt wohnst und du weder die Schweinegrippe noch sonst eine ansteckende Krankheit hast, kommt ihnen nicht in den Sinn, da haben sie keine Zeit dafür oder keinen Bock drauf. Da gibt es dann auch noch die, welche am Arbeitsplatz gross herumposaunen, dass du halt hättest operieren müssen, damit du husch husch wieder deine Leistung hättest erbringen können statt 3 Monate auf der faulen Haut zu liegen und zu warten bis du wieder einsatzfähig bist. Jeder weiss ja, dass die Buschtrommel auch dann funktioniert, wenn man nicht am Arbeitsplatz ist und so weisst du genau, wer dir wohlgesinnt ist und wer nicht.

Ich hatte/habe das Glück einen wunderbaren Partner an meiner Seite zu haben, ohne den es nicht gegangen wäre, eine herzvolle Freundin die mich mit Besuchen, Telefonaten oder SMS erfreut hat und eine Schwester von der ich weiss, dass sie sofort für mich da wäre, wenn ich sie wirklich brauchen würde, 4 Freunde die mich besuchten um sich selber ein Bild davon zu machen wie es mir geht und eine Frau aus dem Kader meines Arbeitgebers die mich besuchte und sich in der Firma für mich einsetzte. Ich hatte Glück, ich bin nicht allein und wurde von diesen Menschen getragen.

Einer der ganz grossen Vorteile während der letzten 3 Monate war, Zeit. Für einige Menschen wäre es vermutlich nicht einfach Wochenlang in der Wohnung „eingesperrt“ zu sein, mit einer stark eingeschränkten Mobilität und vielen Stunden mit sich alleine. Für mich war es eine Art Geschenk. Ich hatte endlich Zeit, so viel Zeit die ich uneingeschränkt nur für mich nutzen konnte. Ausser den Terminen bei der Physiotherapeutin und dem Arzt die mich an eine bestimmte Zeit banden, konnte ich die Zeit einfach vergessen. Da ich viel liegen musste hatte ich gar nicht die Möglichkeit etwas zu „tun“ sondern musste mich mehr auf die geistigen und visuellen Dinge beschränken, was mir nicht sehr schwer viel. Endlich konnte ich stundenlang in meinem Geist oder im Web ungestört auf „Reisen“ gehen. Und ich ent-deckte viel. Ich fand verschüttete Fähigkeiten von mir, Wünsche, Träume, Vorstellungen, Gewissheiten, Tatsachen und Ideen, die mich wie in einem Spiegel betrachten liessen und mir mich deutlich zeigten. Indem mein Körper ruhig wurde konnte mein Geist alles besser wahrnehmen. Ich wurde Geist. Die alten Weisheiten wie, in der Ruhe liegt die Kraft oder nur durch Stillstand und Ruhe kommst Du zu Erkenntnis, haben sich wieder bewahrheitet.

In den letzten fünf Jahren hatte ich wenig Still-Stand und Ruhe und viele neue Erfahrungen gemacht. Auch diese waren nötig für die Lebenserfahrung die ich heute habe, aber sie führten weg von meinem wahren Selbst, weil ich nie in der Ruhe war. Nun hat mich das Leben wieder zur Ruhe gezwungen und dafür bin ich dankbar.

ICH BIN WIEDER BEI MIR!

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